Archive for Oktober 2008

Der einzige Weiße im Bus

Oktober 15, 2008

Blogger Klaus schreibt:

Vor über 10 Jahren besuchte ich Verwandte in Philadelphia/USA. Mir wurde gesagt, als Reicher fährt man mit dem Taxi in die Innenstadt, nicht mit dem Bus. Da ich nie reich war, tat ich es trotzdem. Am Anfang war der Bus gemischtrassig besetzt, je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Weiße stiegen aus, schwarze Menschen stiegen zu. Irgendwann war ich der einzige Weiße im Bus. Ich fühlte mich sehr auffällig und stellte mir vor, wie sich wohl ein dunkelhäutiger Mensch in einem Bus mit Bleichgesichtern, irgendwo in Unterfranken oder sonstwo, auffällig fühlen muß.

Von Herzlich Willkommen bei > strangers !, 2008/10/04 at 6:05 Uhr nachmittags

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Fremd im Dorf

Oktober 15, 2008

Blogger Klaus schreibt:

Ich wohne in einem kleinen Dorf in Unterfranken, bin hier geboren und aufgewachsen. Ich finde es schön in einem Dorf zu wohnen, jeder kennt jeden, man geht aus dem Haus, grüßt sich, unterhält sich… Doch wehe, man verstößt gegen die Regeln, fällt aus der Reihe. Dann zerreißt man sich das Maul über dich, Gerüchte werden mit Begeisterung weitererzählt, von manchen wirst du mit falscher Freundlichkeit gegrüßt und ausgefragt, manche schauen dich nicht mehr an. Du bist Gesprächsthema Nr. 1 im Dorf, bis etwas anderes Aufregendes passiert. In solchen Situationen ist es einfacher, wenn man nicht einheimisch, sondern zugezogen ist. Dann ist man nicht so interessant für die Leute.

Von Herzlich Willkommen bei > strangers !, 2008/10/04 at 6:23 Uhr nachmittags

Geschichte 37

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:30 Uhr nachmittags

Ich mußte als Schulkind öfter die Schulen wechseln, weil mein Vater immer wieder versetzt wurde. Ich erinnere mich, wie schrecklich es war, vor der neuen Klasse zu stehen. Zum Glück gab es jedesmal eine liebe, nette und neugierige Klassenkameradin, die mich unter ihre Fittiche nahm. Ich träume heute noch manchmal davon, wie schlimm ich mich als Neue vor der Klasse fühlte.

Geschichte 36

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:25 Uhr nachmittags

Das Kloster Triefenstein, das nach der Säkularisierung seine Bedeutung eingebüßt hatte, gelangte seit dem Ende der Hitlerdiktatur und dem zweiten Weltkrieg in den Sog der Zeitgeschichte. Hier waren Amerikaner stationiert, dann kamen die Flüchtlinge und später mehrere hundert Polen. Es wurde anschließend Altenwohnheim. Dann mietete die Bundeswehr den Dreiflügelbau und es wurde militärisches Sperrgebiet. Die Nebengebäude wurden von Landarbeiterfamilien bewohnt, die aus Schlesien, Ostpreußen und dem Sudetenland hierher gekommen waren und auf dem fürstlichen Gutsbetrieb arbeiteten. Später kamen eine Künstlerfamilie aus Frankfurt und eine Akademikerfamilie hinzu, die ihre Wohnung im Schloss als Zweitwohnsitz nutzten. 1986 gingen die Gebäude in die Hände der Christusträger Bruderschaft über.

Geschichte 35

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:15 Uhr nachmittags

Obwohl ich in unserem Dorf einer alteingesessenen Familie angehöre, hatte ich immer das Gefühl, hier nicht wirklich zu Hause zu sein. Dies belastete mich sehr als junger Mann. Aber es gab mir auch die Freiheit, den Ort zu verlassen und einen ausgefallenen Beruf zu ergreifen.

Geschichte 34

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:13 Uhr nachmittags

Ich finde, dass durch die Flüchtlinge damals eine Blutauffrischung stattfand. Hier gab es doch in den abgelegenen Dörfern viel Inzucht.

Geschichte 33

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:12 Uhr nachmittags

Ich bin nur wenige Dörfer von hier weg geboren, aber trotzdem gehöre ich nach so vielen Jahrzehnten immer noch nicht dazu.

Geschichte 32

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:10 Uhr nachmittags

Ich bin 1988, ein Jahr vor der Wende, aus Polen geflohen. Seitdem lebe ich in Kanada und bin kanadische Staatsbürgerin. Inzwischen habe ich meine Familie in Polen wieder besucht. Leider muß ich sagen, dass es mir dort nicht mehr gefallen hat. Das Land und die Leute, auch meine Familie, sind mir fremd geworden.

Geschichte 31

Oktober 15, 2008

September 3, 2008 um 7:06 Uhr nachmittags

In meinem Dorf in der Nähe Hamburgs werden alle 80-jährigen Jubilare besonders geehrt. Wir kamen noch gar nicht auf die Idee, auch die greisen Flüchtlinge zu ehren, dabei leben sie doch mittlerweile schon über 60 Jahre in unserer Gemeinde.

Geschichte 30

Oktober 15, 2008

August 29, 2008 um 11:02 Uhr nachmittags

Am 21. August 2008 besuchte ich in der Kopenhagener Uni das Concert Claus Beck-Nielsen Memorial. Ich saß in der ersten Reihe. Nach dem ersten Stück fragte der Sänger auf deutsch: Ist hier jemand aus Deutschland? Ich antwortete auf deutsch: Hallo, ich, ich bin aus Deutschland. Ich merkte, daß ich die einzige Deutsche war, bzw. die einzige, die sich gemeldet hatte. Dann fing er an, auf Deutsch zu reden, mit dem Tonfall, der Lautstärke und der Tonlage wie es die Nazis drauf hatten. Ich war so geschockt, alte Traumata kamen hoch (ich bin 1942 geboren), dass mir die Tränen in die Augen schossen und ich den Raum verließ. Nun stand ich draußen mit meinem Rucksack und schluchzte, kam mit der Situation nicht zurecht, wußte nicht, was tun. Kurz darauf kam meine Platznachbarin, eine freundliche Dänin, Professorin in Roskilde, raus zu mir, tröstete mich und nahm mich wieder mit rein. Sie meinte nach dem Konzert, dass es in Dänemark eine Tendenz vor allem in der Kulturszene gibt, sich politisch korrektem Verhalten zu entziehen.